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Nachhaltigkeit als Generationenprojekt


Unternimmt man den Versuch, Tierhaltung und -verwertung, Natur- und Tierschutz aus dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit zu betrachten, öffnet sich ein überaus komplexes Themenfeld, in dem die Unterschiedlichsten Interessen aufeinander prallen – wir wagen den Versuch, dieses Thema jenseits vom Polemiken zu betrachten.


Der Hunger nach Fleisch und tierischem Eiweiß steigt Jahr für Jahr. Daran ändern weder Vegetarismus noch Veganismus etwas, da vor allem China und Indien mit ihrer Milliardenpopulation in Sachen Fleischkonsum mächtig Gas geben. Auch wenn diese Länder weit entfernt liegen, kann man die Auswirkungen derartiger Entwicklungen nicht ausblenden. Vor allem dann nicht, wenn die grundlegenden Probleme (wenn auch in anderen Maßstäben) in der westlichen Welt genau die gleichen sind.

Kein „Problem anderer Leute“

Dass Fleisch täglich auf den Teller kommen kann, verdanken wir der Industrialisierung von Tierhaltung und Verarbeitung. Schweine-, Rinder- und Gefügelzuchten mit Abertausenden von Tieren, die im Turbotempo gemästet werden, sorgen für den ständigen Strom billiger Ware, die in ebenso industriellem Maßstab geschlachtet, zerlegt und verarbeitet wird. Kein Schlachtbetrieb der Alpenrepublik kommt auch nur irgendwie in die Nähe der Zahlen holländischer, deutscher oder dänischer Mega- Betriebe, deren Ware die Kühlvitrinen und Tiefkühllager von ganz Europa füllt. Dennoch kann man den europäischen Status quo in Sachen Tierproduktion und Verarbeitung nicht als „Problem anderer Leute“ einfach so ausblenden. Zu eng verwoben sind die Tier- und Fleischströme quer durch den Kontinent, fragwürdige Praktiken an vielen Ecken und Enden inkludiert. Werden die Auswüchse der Turboproduktion wieder einmal zu arg, geistern sie als Fleischskandale für einige Tage durch die Medien, bevor es wieder heißt: business as usual versehen mit dem Zusatz: Hierzulande ist es eh alles in bester Ordnung. So einfach ist es leider dann doch nicht. Einmal findet das Fleisch solcherart produzierter Tiere in vieler Form auf den Teller – woher die tierischen Rohstoffe der unzähligen Convenience-Produkte stammen, wird kaum hinterfragt. Schinken und Salami als Pizzabelag stammt wohl ebenso wenig von glücklichen Schweinen wie das Hühnerfleisch von Chicken-Nuggets, um nur zwei Beispiel zu nennen. Ein Umstand, der Konsumenten- und Tierschützern schon lange ein Dorn im Auge ist, und der alle Jahre wieder – sowohl auf lokaler als auch europäischer Ebene – für Diskussionen sorgt.

Weltumspannende Kreisläufe

Im Hintergrund dieser Tierproduktion arbeitet ein gewaltiger, weltumspannender logistischer Apparat, der enorme Ressourcen verschlingt. Für die Tiermast werden Millionen Tonnen Futtermittel benötigt, der Flächenbedarf für deren Anbau ist ebenso gigantisch wie die benötigten Transportkapazitäten. Die benötigten Monokulturen funktionieren nur mit dem großzügigen Einsatz von Unkrautvernichtern, die alles, außer den eigens auf Pestizidresistenz gezüchteten Pflanzen, absterben lassen. Glyphosat & Co. sind nicht nur in Übersee, sondern auch hierzulande Allheilmittel der Agrarwirtschaft. Eng verwoben mit dieser Thematik sind genetisch modifizierte Organismen. Befürworter verweisen auf höhere Erträge und eine gezielte Anpassung an alle Arten von Umwelteinflüssen, während Gegner in ihnen die Büchse der Pandora sehen, da nicht klar ist, welche Auswirkungen diese Organismen auf die „normale“ Tier- und Pflanzenwelt haben. Man triebe, so ein häufig gebrauchtes Bild, den Teufel wieder einmal mit dem Beelzebub aus, anstatt sich der grundlegenden Problematik anzunehmen. Diese wäre eine außer Rand und Band geratene Wachstumshörigkeit, deren Auswirkungen den Lebensraum Erde auf kurz oder lang für den Menschen zerstören. Womit man sich in erbitterten Debatten wiederfindet, in der ideologische, politische und wirtschaftliche Dogmen und Leitbilder unerbittlich aufeinander prallen. Fakt ist, dass die natürlich vorkommenden Ressourcen kein unerschöpfliches Gut darstellen und dass eine Vielzahl an Rohstoffen mittlerweile rare Güter sind. Der Diskurs über deren Verwendung, den Erhalt und die Verteilung wird zumeist unter dem Begriff der Nachhaltigkeit geführt.

Wer treibt’s voran?

Spätestens als der Club of Rome im Jahr 1972 seinen Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte, war das Thema der Auswirkung schwindender Ressourcen bei stets steigender Nachfrage breitenwirksam auf dem Tapet. Wirkten die prognostizierten Szenarien zu dieser Zeit noch wie Dystopien einer fernen Zukunft, sind sie für immer größere Teile der Welt bittere Realität, die auf Landesgrenzen keine Rücksicht nimmt. Was als Antwort zwar immer wieder in den Raum gestellt wird, sind bindende, globale Rahmenbedingungen, bloß wer soll diese formulieren, festlegen und vorantreiben? Die Interessensgruppen aus Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Umweltschutz, NGO’s, Tier- und Klimaaktivisten spielen den Ball im Kreis und schieben den schwarzen Peter mal in die eine, dann in die andere Hand. Die Mammutaufgabe, nachhaltig im Sinne eines Erhalts noch bestehender Ressourcen zu handeln, bleibt somit auf der lokalen Ebene hängen. Worin auch eine der Chancen (die einzige?) zu verorten ist: Global denken, lokal handeln gilt als Grundsatz wirtschaftlichen Handelns und für die Produktion von Lebens- und Genussmitteln mehr denn je.

Lokal handeln

Gerade die lokale Urproduktion sowie geographisch nahe Verarbeitung, Veredelung und Vermarktung von Nahrungsmitteln zeigt, dass es sehr wohl möglich ist, den Gedanken der Nachhaltigkeit mit Leben zu erfüllen. Die biologische Landwirtschaft hat in Österreich eine lange Tradition, die Wesentliches zum Erhalt der Biodiversität beiträgt, in dem sie Lebensräume schützt. Produktion und Vermarktung sind längst dem Image von Birkenstockschlapfen, Latzhosen und Müslikonsum entwachsen, Biosupermärkte (ja, auch diese kann und darf man diskutieren) sind mittlerweile weit verbreitet, genauso wie die Bioprodukte im normalen LEH. Damit einher geht die Einsicht, dass nicht alles immer und überall verfügbar sein muss. Auch wenn der Großhandel dazu in der Lage ist, ganzjährig eine Vielzahl an Produkten für den Einzelhandel anbieten zu können. Damit ist – letztendlich – jeder Einzelne in seiner Rolle als Konsument aufgefordert, den Unterschied zu machen und zum Wohl der nächsten Generationen zu handeln.

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