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Mehr als nur ein Experiment


Indoor Farming: Wie ein Start-up aus dem Burgenland mit neuen Anbaumethoden einen Beitrag zur regionalen Ernährungssicherheit und Unabhängigkeit der Region leisten möchte.


Wir haben mit den PhytonIQ Gründern Eszter Simon (Architektin und Lebensmitteltechnologin) und Martin Parapatits (Bauingenieur und Umweltwissenschaftler) über ihr Unternehmen, Indoor Farming und die zukünftige Landwirtschaft gesprochen.

PhytonIQ ist Know-How- und Kompetenz-Leader im Bereich des automatisierten Indoor Farmings. Doch was genau kann man darunter verstehen und wie sieht Ihre Arbeit aus?

Erinnern Sie sich an den NASAAstronaut Kjell Lindgren? Er hat seinen Salat auf der ISS Raumstation selbst geerntet. Das System hieß „Veggie“ und war an sich eine sehr komplexe Indoor Farming Lösung. Auch hier wuchsen Pflanzen in einer Nährlösung aus Dünger und einer kalkhaltigen Mineralmasse und wurden von LEDs beleuchtet. Das war 2015, seither hat sich eine Menge in Sachen Indoor Farming getan. Geht es schließlich um eine tragfähige Landwirtschaft pflanzlicher Erzeugnisse, vor allem auch in Ballungsgebieten, die eine gewisse lokale Sicherheit der Ernährung in Zukunft gewährleistet. Wir haben sehr früh begonnen, uns mit dem Thema auseinanderzusetzen, da wir beide aus dem ökologischen Gebäudebau, der Umweltwissenschaft und der Lebensmitteltechnologie kommen. Basierend auf Kreislaufwirtschaft und Hydrokulturen unter Gewächshausbedingungen werden in Gebäuden (Containern, die man schnell auf und abbauen kann auf kleinen Flächen) auf mehreren übereinander gelagerten Ebenen regional ganzjährig Microgreens (Mini-Grünlinge), Gemüsesorten wie Wasabi, Früchte wie Erdbeeren und demnächst auch essbare Speisepilze erzeugt. Ressourcen (Wasser, Anbauflächen etc.) und Transportwege können massiv eingespart – so auch vor allem CO2, Erntemengen vervielfacht und Pestizide komplett vermieden – werden. Das System dahinter ist mit einer eigenen Softwarelösung verknüpft, die dafür sorgt, dass die Pflanzen optimal versorgt werden. Der Strom für die LED Technologie stammt zu 100 % aus erneuerbarer Energie. Anhand des Bewässerungssystems können 95% Wasser und 85 % Düngemittel, welches in der konventionellen Landwirtschaft eingesetzt werden müsste, eingespart werden. Dahinter steht ein High-Tech-System, das wir selbst entwickelt haben. Das System ist deshalb einzigartig, weil es sich schnell umsetzen lässt, an beliebigen Standorten eingesetzt werden kann und von den Kosten her nicht zu teuer ist. Neben dem Einsatz von High-Tech ist aber auch Handarbeit bei uns sehr gefragt. Geerntet und gepflegt wird unser Wasabi von unseren Mitarbeitern. Außerdem kontrollieren wir jeden Tag in der Woche unsere Pflanzen und überwachen deren Gesundheit händisch.

Indoor Farming Start-upPhytonIQ Wasabi hat sich auf den Wasabi-Anbau spezialisiert. Wieso genau diese Pflanze?

In der freien Natur wird es immer schwieriger geeignete Plätze für den Anbau zu finden, da Wasabi an die 24 Monate um zu reifen braucht und in Flüssen und Bächen in Japan und Südostasien kultiviert wird. Von dort wird er auch zu uns importiert, meist zu einem sehr hohen Preis. Der Kreuzblütler braucht zudem ein nicht zu warmes und nicht zu kühles Klima, am liebsten hat er es zwischen 8°C und 20°C. Direktes Sonnenlicht mag er nicht. All das limitiert die Anbaugebiete für Wasabi auf dieser Welt erheblich, weshalb er auch so rar und teuer ist. Genau hier kommt Indoor Farming ins Spiel, da es ideale Bedingungen für den Wasabi Anbau schaffen kann.

Wieso braucht es neue Anbaumethoden? Und was sind die Vorteile gegenüber der herkömmlichen Landwirtschaft?

Eines vorweg: Wir sehen uns als Ergänzung zur biologischen Anbauweise, aber als Alternativen zur exzessiven Landwirtschaft. Denn eine Frage brennt: Woher kommen unsere Lebensmittel in Zukunft? Werden wir nach wie vor auf eine globale Lebensmittelindustrie setzen, die Nahrungsmittel von weit her nach Europa bringt und wieder retour, oder wird es lokale, kleinere und gut vernetzte Strukturen in Europa geben, die nachhaltiger sind und auch sozial fair handeln? Neben der Versorgung wird auch die Produktion von Lebensmitteln von den Konsumenten mehr hinterfragt, vor allem die landwirtschaftlich exzessive Nutzung kommt immer stärker ins Kreuzfeuer der Öffentlichkeit. Bei den Indoor Farming Systemen, die wir anbieten, handelt es sich um kleine effiziente Anlagen.

Welche Kultivierungsmethoden verwenden Sie und wie funktionieren diese?

Hydroponik: Hier steht die Pflanze in einer Nährlösung aus Wasser und z.B. Mineralien. Aeroponik: Hier hängt die Pflanze quasi in der Luft und wird zu gewissen Zeiten mit Zerstäubern besprüht. Das System ist ideal, wenn z.B. wenig Wasser zur Verfügung steht. Vliestechniken: Unser Vlies ist aus nachhaltiger Bambusfaser und wird nur mit Wasser getränkt.

Für welche Pflanzen eignen sich diese Methoden? Welche Pflanzen bieten Sie an?

Grundlegend eignet sich Indoor Farming für alle Grün- und Gemüsepflanzen, die wir normalerweise im Winter aus dem Süden importieren. Der Süden Europas klagt bereits über Wassermangel. Die Indoor Farming Methode ist hier eine Alternative und würde uns von Grünpflanzenimport unabhängiger machen. Wir bieten derzeit an: Verschiedene Microgreens- Rettich-Sorten, eiweißreiche Microgreens wie die Erbse grün, aromatisch-scharfe Microgreens wie Schnitt-Knoblauch aber auch Sorten wie Sonnenblume, Lauch, Pak Choi, Karotte und viele mehr. Wasabi Pulver (aus Blättern und Stängel), Wasabi Rhizome (Wasabi Rhizome werden frisch gerieben und zu einer feinen Paste verarbeitet) und Wasabi Blätter.

Seit wann gibt es PhytonIQ und wer sind die Köpfe dahinter?

Das Start-up PhytonIQ wurde 2017 von Eszter Simon und Martin Parapatits in Oberwart im Südburgenland gegründet. Beide beschäftigten sich seit ihrem Studium mit der Frage der Ernährung der Weltbevölkerung und wie man diese lösen könnte. Über Umwege kamen sie zu dem Ansatz: Indoor Farming in kleinen Einheiten für Ballungszentren, als auch Entwicklungsbiete, wie Steppe oder Wüste mit Wassermangel, mithilfe nachhaltiger Technologie. Begonnen hat das Start-up mit einer Indoor Farm in Oberwart auf einer Fläche von mehr als 1.000 m2. Hier werden Wasabi, Microgreens – wie z.B. Rettich Daikon -, und seit kurzem auch Safran angebaut. Mit High-Tech Entwicklungen (Kreislaufwirtschaft, nachhaltiges Indoor Farming, Softwareentwicklung, etc.) leistet PhytonIQ einen wichtigen Beitrag zur regionalen Ernährungssicherheit und Unabhängigkeit der Region. Das Unternehmen bietet zudem individuelle Komplett-Lösungen aus einer Hand. Beginnend bei der Beratung und Planung der Anlagen, dem Kultivieren verschiedenster Pflanzen bis hin zur intelligenten Software.

Welches Ziel verfolgt Ihr Unternehmen?

Wir werden über kurz oder lang an einem Scheideweg bei der konventionellen Landwirtschaft ankommen. Wir haben nach Alternativen gesucht und bieten diese an. Mit unseren Entwicklungen möchten wir so einen Beitrag zur regionalen Ernährungssicherheit und Unabhängigkeit der Region zu leisten. Überdies sollen bereits im Sommer die ersten Container- Lösungen zur Versorgung von Hotel- und Gastronomiebetrieben sowie Verpflegungseinrichtungen, wie Mensen oder Pflegeeinrichtungen mit regiaversorgt werden. Mobile Pflanz-Container im regionalen Umkreis der Betriebe ermöglichen den CO2- freundlichen Frische-Anbau. Lokal engagiertes Betreuungspersonal – sogenannte „Urban-Gardeners“ übernehmen hierbei die Pflege, Aufzucht und Ernte der Produkte. Ein durchdachtes Anbau- und Bedarfsmanagement gewährleistet überdies, dass genau jene Produkte angebaut werden, die dem tatsächlichen Bedarf des Kunden entsprechen. Dadurch wird einer Überproduktion vorgebeugt und zusätzlich wertvolle Ressourcen gespart. Denn die PhytonIQ Container- Lösungen punkten durch einen geringen Wasser- und Strombedarf, wirken CO2-regulierend – u.a. durch die Einsparung langer Transportwege und reduzieren den Bedarf an landwirtschaftlichen Anbauflächen.

Eszter Simon (Architektin und Lebensmitteltechnologin) und Martin Parapatits beschreiten mit ihrem Unternehmen PhytonIQ neue Wege.
Eszter Simon (Architektin und Lebensmitteltechnologin) und Martin Parapatits beschreiten mit ihrem Unternehmen PhytonIQ neue Wege.

Wer kann sich an Sie wenden – Privatpersonen, die zuhause experimentieren oder auch Landwirte, die neue Wege gehen möchten?

Im ersten Schritt sind unsere Container- Lösungen für die Versorgung im regionalen Umkreis konzipiert. Vom Schulbuffet bis hin zu Gastronomiebetrieben aber auch Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern. Wir wollen keineswegs als Konkurrenz zur Landwirtschaft gesehen werden. Vielmehr sehen wir uns als Anbieter alternativer, nachhaltiger Lösungen im Nahrungsmittelanbau. Statt langer Transportwege bieten wir allen Interessierten, frische gesunde Lebensmittel – welche regional, ressourcenschonend und ohne den Einsatz von Pestiziden gewachsen sind -, direkt „vor der Haustüre“ an.

Wie aufgeschlossen sind Kunden der neuen Anbaumöglichkeit gegenüber?

Sehr. Die Nachfragen auch vom lokalen Handel sind vor allem in der Corona-Zeit rasant gestiegen. Offenbar wurde so das Bewusstsein geschärft, dass wir weg müssen von Monokulturen und exzessiver Landwirtschaft, hin zu kleineren, lokalen Einheiten, um eine gewisse Sicherheit der Ernährung auch in Krisenzeiten zu garantieren.

Was gibt es noch zu wissen?

Wir sind ein junges Unternehmen und suchen immer schlaue Köpfe, die mit uns an unserem Projekt mitarbeiten wollen. Derzeit arbeiten wir an einem ausgeklügelten Nachhaltigkeitsprojekt mit dem Namen „re-nature“, wo wir Grünflächen ankaufen und diese wieder „renaturieren“ mit alten Naturpflanzen aus der Region, Blumenwiesen und in Zusammenarbeit mit Imkern, um das Überleben der Insekten und Bienen zu gewährleisten. Das tun wir vor allem deshalb, weil wir auch Bodenfläche brauchen und wir eigentlich der Versiegelung von Grundfläche entgegenwirken möchten. Wir finden dies sollte jedes Unternehmen tun, wenn es eine Produktion auf die grüne Wiese stellt. Das ist unser Zugang zur Erde, um zu signalisieren, wir geben etwas zurück, was wir genommen haben. Das ist uns sehr wichtig! Zudem entsteht am Standort Oberwart ein Mitarbeitergarten. Die Realisierung ist für den Sommer geplant. Das ist ein Beitrag von uns, den Industriestandort Oberwart naturnaher zu gestalten.

Info

PhytonIQ DI Rudolf Schober-Straße 4, A-7400 Oberwart office@phytoniq.com Tel. +43 (0)3352/903 000 00 www.phyontiq.com

 

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