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Kein Schweineleben in Pöggstall

Kein Schweineleben in Pöggstall


Elisabeth Gmach-Mittermayer ist Apothekerin und im Nebenberuf Tierzüchterin und Direktvermarkterin. Alles aus Liebe zum Tier. Und zum Produkt.


Eigentlich ist Elisabeth Gmach-Mittermeyer Apothekerin. Aber noch eigentlicher ist sie Schweinezüchterin. Aus Überzeugung und Tierliebe. Deshalb hat sie vor zehn Jahren einen Hof am Berg über Pöggstall gekauft. Der hat nicht nur eine tolle Aussicht, (das Waldviertel kann recht gebirgig sein), sondern auch geräumige Ställe für Schweine und Rinder. „Momentan im Winter haben wir drei Mutterkühe, einen Eber – 400 Kilo schwer -, 20 Mastschweine und 18 Ferkel.“ Die können auch die Aussicht genießen. Die Rinder laufen frei am Grundstück herum, die Schweinderl haben einen Betonauslauf mit Sandkiste, Wasserbecken und ganz viel Heu zum Wühlen. Aus hygienischen Gründen keine Erdsuhle. Als wir uns den Ställen nähern, fangen sie heftig an zu quietschen. Sie kommen neugierig angelaufen und strecken uns ihre Schnauzen entgegen. Sie sind so aufgeregt, dass sie übereinander purzeln. Es gibt kleine und etwas größere Ferkel und ausgewachsene Sauen. Alle sehen unterschiedlich aus: braun, grau oder gefleckt. Dennoch sind sie alle eine Mischung aus Deutscher Landrasse, Duroc und Mangaliza – und mit einander verwandt.

Vom Delfin zum Schwein

„Angefangen hat alles mit Delfinforschung auf den Bahamas“, erzählt Elisabeth, eine lebhafte, schlanke Frau, voller Energie und Ideen. „Da habe ich meine Liebe zu den Tieren entdeckt. Und dann doch Pharmazie studiert.“ Man kann sich vorstellen, dass ihr nach zwanzig Jahren das Apothekerinnendasein in Pöggstall etwas fad wurde und sie eine neue Herausforderung brauchte. In Italien ist sie mit der Slow Food Bewegung in Kontakt gekommen, in Slawonien hat sie freilaufende Schweine erlebt. „Bei uns gab es nur jammernde Landwirte mit Anbindehaltung, die ihren Kühen die Hörner kappten und den Schweinen die Schwänze abschnitten.“ Also gründete sie in Pöggstall einen Tierschutzverein und kaufte sich den Bauernhof am Berg. In den Hermannsdorfer Werkstätten in Bayern holte sie sich das nötige Fachwissen und begann mit der Tierzucht. Bald auch mit der Ab-Hof-Vermarktung. Sie tat sich mit dem gelernten Fleischer Richard Zainzinger zusammen, einem Biobauern aus der Gegend, der Schafe, Schweine und Rinder züchtet. Der zerlegt ihr die Tiere. „Am Anfang produzierten wir entweder zu viel oder zu wenig, aber das hat sich eingependelt.“ Sie begann mit drei Blondvieh- Damen und zwei Duroc-Mangalitza- Schweinen, die ihr der steirische Winzer Krispel schenkte. Heute sagt sie: „Alle, die mit mir zusammenarbeiten, profitieren.“ Für den Hof hat sie einen Verwalter. Vermutlich meint sie damit auch ihre tierischen Partner und ihre Kunden. Sie will ihren skeptischen bis missgünstigen Nachbarn beweisen, dass man auch artgerecht ökonomisch wirtschaften kann. „Eine anständige Haltung erzeugt Geschmack und Qualität“, sagt sie. „Unsere Schweine haben ordentliche Knochen und ihr Fleisch schmeckt wie damals, sagen die Leute.“ Natürlich muss man entsprechende Preise verlangen: 38 Euro fürs Kilo Schinken, 16 Euro fürs Kilo Schnitzelfleisch. Aber dafür findet sich auch in Pöggstall eine Kundschaft. Allerdings keine Gastronomen. Elisabeths Mengen würden eh für die Gastronomie nicht ausreichen.

Länger leben lassen

Die Sauen ferkeln dreimal im Jahr. Wenn sie 14 Monate alt und 120 Kilo schwer sind, werden sie geschlachtet. Direkt am Hof, ganz sanft: „Sie bekommen einen Apfel und einen Bolzenschuss.“ Richard erzeugt dann Frischfleisch, Grammelschmalz, Geselchtes, Würste. Momentan experimentiert Elisabeth mit einem Panchetta-Rezept. In der „Sauerei“ verkauft sie seine und ihre Produkte in einer ehemaligen Fleischerei direkt neben der Apotheke. Immer freitags ist geöffnet, ansonsten auf Zuruf in der Apotheke. Auch wenn die Schweinderl extrem goldig wirken: „Sie können auch streitlustig sein“, erklärt Elisabeth. „Manchmal gibt es Rabauken, die brauchen viel Freiheit und sind nicht zu bändigen. Die muss man dann eine zeitlang isolieren. Ich liebe meine Tiere, am Anfang habe ich mich stundenlang zu ihnen in den Stall gesetzt. Aber so richtig über den Weg traue ich ihnen nicht. Ich habe ihnen hier kein Disneyland errichtet, sie bekommen nicht die totale Freiheit, aber sie sind geschützt, gut ernährt und dürfen länger leben.“ Normalerweise werden Schweine mit entsprechendem „Kraftfutter“ in vier Monaten auf Schlachtgewicht gebracht, bei Elisabeth dauert das bis zu eineinhalb Jahre . Das Futter produziert sie überwiegend am Hof. Bioschrot für die Schweine kauft sie zu. Es gibt 7,5 Hektar Grünland. Im Sommer weiden dort bis zu 17 Rinder. „Die sind auch neugierig“, sagt Elisabeth. „Die kommen abends von alleine in den Stall.“ Und dann setzt sie sich doch wieder zu ihren Schweinen, die sie freudig umringen. Das hier ist wahrlich kein Schweineleben. Leider absolut die Ausnahme.

Info

Sauerei by fair-treat

Ab Hof Verkauf / Produzent

Hauptplatz 5

3650 Pöggstall

Tel. 0664 4053 487

www.fair-treat.at

 

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